Bei der Influenza-Pandemie 2009, bekannt als Schweinegrippe (für weitere Bezeichnungen siehe unten), handelt es sich um die Ausbreitung einer Virusinfektion des Menschen mit einer neuen Variante von Grippeviren.
Entdeckt wurde diese Variante des Subtyps A/H1N1 Mitte April 2009 in Proben von zwei Patienten, die Ende März unabhängig voneinander in den Vereinigten Staaten erkrankten.[1] Eine intensive Suche nach weiteren Fällen ergab eine Häufung in Mexiko und eine Verschleppung über die Landesgrenzen. In Mexiko erreichte im April eine ungewöhnlich starke saisonale Grippewelle ihren Höhepunkt.
Ende April 2009 warnte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) vor einer weltweiten Verbreitung (Pandemie). Anfang Juni 2009 wurde die Virusinfektion auf die höchste Alarmstufe hochgestuft. Die WHO verkündete jedoch bereits Mitte Mai, dass die Kriterien angesichts der geringen Pathogenität überarbeitet werden sollten. Die enorme Aufmerksamkeit und der Umfang der getroffen Maßnahmen liegt darin begründet, dass die H1N1-Subtypen der Grippe die mit Abstand opferreichste Seuche (Spanische Grippe 1919/20) verursacht haben, und seit den 1970er-Jahren nicht mehr epidemisch in Erscheinungen getreten sind: Eine allfällige Bedrohung liegt darin, dass der Erreger auf unvorhergesehene Weise mutiert, insgesamt kann der Grippetypus in seinem Verlauf bis August 2009 als vergleichsweise harmlos eingestuft werden.
Erreger
Die erste wissenschaftliche Veröffentlichung[2] beschreibt die neue Virusvariante als eine genetische Neukombination aus zwei Viruslinien der Schweineinfluenza, einer nordamerikanischen und einer eurasischen, siehe Vierfachkombinanten. Die Zahl der Mutationen zwischen der jetzt beobachteten neuen Variante und den in GenBank enthaltenen wahrscheinlichen Vorläufern deute darauf hin, dass seine Gen-Segmente seit längerem unentdeckt geblieben waren. Die geringe genetische Vielfalt unter den verschiedenen Virusisolaten der neuen Variante und die Tatsache, dass bereits bekannte molekulare Marker für die Anpassung an Menschen nicht vorliegen, legen nahe, dass das Ereignis des Übergangs auf den Menschen nicht lange zurück liegt. Antigenetisch – das betrifft lediglich die Gensegmente für die Proteine der Virushülle – seien die Viren homogen und ähnelten nordamerikanischen porzinen A(H1N1)-Viren, würden sich jedoch von Viren der saisonalen humanen Influenza A(H1N1) unterscheiden.
Das erklärt die Ergebnisse einer Untersuchung der Immunität der US-amerikanischen Bevölkerung:[3] Hauptergebnis war, dass der saisonale Impfstoff keinen oder jedenfalls keinen ausreichenden Schutz bietet. Allerdings wurde auch festgestellt, dass die ältere Bevölkerung (über 60 Jahre) zu einem Drittel Antikörper besitzt, die gegen die neue Variante wirksam sind. Das passt zu der Beobachtung, dass vorwiegend Jüngere erkranken, und wird damit erklärt, dass es um die Mitte des vergangenen Jahrhunderts ein antigenisch ähnliches humanes Virus gegeben haben muss.
Obige Arbeit[2] relativiert übrigens die alarmierende Aussage auf der ersten Pressekonferenz der CDC,[4] die neue Virusvariante ginge auch auf aviäre Influenzaviren zurück, was sie in die Nähe von als gefährlich angesehenen Erregern der asiatischen Vogelgrippe rückte (siehe H5N1). Das ist nicht völlig falsch, denn Vögel sind das natürliche Reservoir aller Influenza-A-Viren, aber im vorliegenden Fall haben alle genetischen Komponenten keinen festen Bezug zu Vögeln. Auch korrigiert wurde die zunächst vertretene Abstammung auch von humanen A(H1N1)-Viren – sie beruht lediglich auf Ähnlichkeiten zu Linien, die nach ihrer Abspaltung auf den Menschen übergegangen sind und sich unabhängig an ihn angepasst haben.
Epidemiologie
In Mexiko waren die Gesundheitsbehörden auf den Beginn der Epidemie aufmerksam geworden, nachdem es zu einer Häufung von Lungenentzündungen bei jüngeren Personen gekommen war (nach CDC[5] waren Personen zwischen 30 und 44 Jahren deutlich häufiger von schweren Verläufen betroffen als bei der saisonalen Influenza). Nach ersten Berechnungen[6] war die neue Virusvariante dort ansteckender, und die von ihr ausgelöste Erkrankung besaß eine höhere Letalität als die saisonale Influenza: Die Letalitätsrate betrug etwa 0,4 %[6] (saisonale Grippe: 0,1 %) und je nach Modell für die Epidemie in Mexiko ergab sich eine Basisreproduktionsrate zwischen 1,4 und 1,6. Genetische Vergleiche verschiedener Virusisolate[6] sind repräsentativer für eine größere Region und einen größeren Zeitraum und ergeben eine Basisreproduktionsrate von 1,2 sowie November 2008 bis Januar 2009 für das Datum des letzten gemeinsamen Vorfahren.
Obige Reproduktionsrate bedeutet, dass die weltweite Ausbreitung des Erregers aufhören wird, sobald etwa ein Drittel der Bevölkerung immun ist, entweder durch Infektion (mit oder ohne Krankheitssymptome) oder durch Impfung. Das sind etwa 2 Milliarden Menschen. Bei einer Letalität von 0,1 % – in industrialisierten Ländern kleiner, in Schwellen- und Entwicklungsländern größer – werden also etwa 2 Millionen Menschen sterben, falls nicht in großem Umfang geimpft wird. Dies entspricht etwa den Todesfällen der saisonalen Grippe innerhalb dreier Jahre.
Symptome
Potentielle Symptome einer InfluenzainfektionSoweit bisher bekannt, unterscheiden sich Symptome und Letalität der neuen Variante nicht von denen der jährlich wiederkehrenden Influenzawellen (siehe Krankheitsverlauf bei Influenza).
Falldefinition
Klinische und epidemiologische Kriterien
Verdachts-, wahrscheinliche und bestätigte Fälle von neuer Influenza werden durch Kriterien definiert, die zusammen die sogenannte Falldefinition bilden und von den nationalen Gesundheitsbehörden bestimmt werden, in Deutschland vom Robert Koch-Institut.[7] Darin werden zunächst
das klinische Bild (akute respiratorische Erkrankung mit Fieber über 38° C oder Tod durch unklare akute respiratorische Erkrankung),
die epidemiologische Exposition (durch Aufenthalt in einem RKI-definierten Risikogebiet außerhalb Deutschlands oder direkten Kontakt mit einem wahrscheinlichen oder bestätigten Krankheits- oder Todesfall oder gleichzeitigen Aufenthalt in einem Raum mit einem wahrscheinlichen oder bestätigten Fall oder Aufenthalt in einem klar definierten Gebiet mit aktuellem Ausbruchsgeschehen oder durch Arbeiten mit Proben im Labor) sowie
der labordiagnostische Nachweis (Details unten)
aufgeführt und damit folgende Falldefinitionen bestimmt:
Verdachtsfall: Person mit erfülltem klinischen Bild und Vorliegen der epidemiologischen Exposition sowie fehlendem Nachweis einer anderen Ursache, die das Krankheitsbild vollständig erklärt.
Wahrscheinlicher Fall: Person mit labordiagnostischem Nachweis von Influenza A und einem negativen labordiagnostischen Ergebnis für die saisonalen Influenzasubtypen A/H1 und A/H3.
Bestätigter Fall: Person mit labordiagnostischem Nachweis von neuer Influenza (A/H1N1) durch das (oder in Absprache mit dem) Nationale(n) Referenzzentrum (NRZ) für Influenza (das ist zurzeit das RKI selbst).
Die Weltgesundheitsorganisation hat entschieden, für die Erkrankung mit der neuen Variante den ICD-10-Code J09 zu verwenden (J09: Influenza caused by influenza viruses that normally infect only birds and, less commonly, other animals), deren Wortlaut entsprechend angepasst werden soll.[8] Im Falle einer anhaltenden Ausbreitung (wie zurzeit in Nordamerika) kann bei dieser Falldefinition die epidemiologische Exposition als Kriterium wegfallen und ebenso eine sichere Diagnose auch ohne Laborbestätigung gestellt werden. Dies entspräche dann der Falldefinition einer normalen Influenza während der Saison.
Labordiagnostik
Prinzipiell existieren, wie bei jeder anderen Virusinfektion, zwei Möglichkeiten des Virusnachweises im Labor, der direkte Erregernachweis und der indirekte Nachweis spezifischer Antikörper. Letzterer ist nur im zeitlichen Abstand möglich, wenn zwei Blutproben, eine zum Zeitpunkt der Erkrankung und eine weitere mindestens zwei Wochen danach, verglichen werden. Ein vierfacher Anstieg des Antikörper-Titers gilt beweisend für eine abgelaufene Infektion. Dieses Testverfahren ist zwar Bestandteil der Labordefinition der Erkrankung, wird aber gegenwärtig wegen der zeitlichen Verzögerung nicht angewandt.
In der epidemiologischen Situation einer Ausbreitung spielt der direkte Erregernachweis eine zentrale Rolle. Im Fall der neuen Variante können Antigene (Virusproteine) des Virus aus Rachenspülflüssigkeit, Rachen- oder Nasenabstrichen mit sogenannten Schnelltests nachgewiesen werden. Die traditionellen Schnelltests vermögen im besten Fall nur zwischen einer Influenza A und B zu unterscheiden. Modernere Schnelltests unterscheiden hingegen sogar Subtypen der Influenza A und haben mit zur ersten Identifikation des Erregers der Schweinegrippe beigetragen.[9]
Schnelltests haben eine geringere Spezifität und Sensitivität als aufwändigere virologische Verfahren, können aber vor Ort und in wenigen Minuten durchgeführt werden. Die Rate falsch negativer Ergebnisse (Sensitivität) liegt bei manchen Schnelltests bei bis zu 30 Prozent, in der Regel zwischen 5 und 15 Prozent; falsch positive Ergebnisse (Spezifität) bewegen sich zwischen einem und 10 Prozent.[10] Obwohl das Ansprechen der Schnelltests auf die neue Variante zunächst lediglich wahrscheinlich war, nahmen sie im diagnostischen Ablaufschema der WHO- und RKI-Empfehlungen eine zentrale Rolle ein. Erste Untersuchungen während des Ausbruchs unter Schülern in Kobe, Japan, ergaben eine Sensitivität von 50 % (n=24) für den ersten Tag mit Fieber bzw. 67 % (n=18) für den zweiten Tag.[11]
Ein sicherer Erregernachweis erfordert Virusisolierung, Real-Time-PCR (rtPCR) und die Agarose-Gelelektrophorese der Real-Time-PCR-Produkte. Die Isolierung der neuen Variante durch Anzucht in Zellkulturen (MDBK-Zellen) oder bebrüteten Hühnereiern ist innerhalb von ein bis zwei Tagen möglich; danach erfolgt eine Typisierung des vermehrten Virus mit verschiedenen, typenspezifischen Antikörpern. Diese Methode gilt als Referenzmethode („Goldstandard“). Der Nachweis der Nukleinsäure des Influenzavirus mittels PCR ist schneller möglich, die etablierten PCR-Verfahren mussten jedoch durch Sequenzvergleiche mit veröffentlichten[12] Genomsequenzen der neuen Variante abgeglichen werden, ob sie auch diese Variante erkennen können. Die meisten PCR-Verfahren bei Influenzaviren weisen RNA-Abschnitte der Gene des Matrixproteins (M1 auf Segment 7) oder Nukleoproteins nach. Sie können aber ursprünglich nicht zwischen normalen A/H1N1-Varianten und der neu aufgetretenen Variante unterscheiden. In verschiedenen Instituten wurden daher seit Auftreten der Variante zusätzliche PCR-Verfahren entwickelt, die über das HA1-Gen eine solche Differenzierung erlauben. Die WHO veröffentlichte zuletzt am 21. Mai den Stand der Technik und weist ausdrücklich auf die Notwendigkeit der internen und externen Qualitätssicherung der Labordiagnostik hin.[13] Diese Sicherung der diagnostischen Aussagen kann im Falle von Pandemien sowohl durch nationale als auch internationale Ringversuche erfolgen.
Therapie
Das Virus ist gegen die Influenzamittel Amantadin und Rimantadin resistent, aber bislang empfindlich gegen die Neuraminidase-Hemmer Oseltamivir (‚Tamiflu‘) und Zanamivir (‚Relenza‘), während die saisonale Variante der A(H1N1)-Viren gegen Oseltamivir resistent ist, aber nicht gegen Amantadin, Rimantadin und Zanamivir.[14] Deren Oseltamivir-Resistenz hatte sich im Jahr 2008 ausgebreitet.[15] Diese Virostatika sind allerdings nur wirksam, wenn sie innerhalb der ersten 48 Stunden nach dem Auftreten erster Grippesymptome eingenommen werden. In diesem Zusammenhang ist zu erwähnen, dass einerseits Schnelltests in frühen Stadien der Infektion oft falsch negativ sind, andererseits bei diesem Erreger in etwa der Hälfte aller Fälle Husten und Heiserkeit ein bis zwei Tage früher auftreten als das Fieber.[11] Deshalb die Empfehlung der ECDC, die (prophylaktische) Gabe von Virostatika für Patienten und Kontaktpersonen mit vorhandenen Risikofaktoren nicht von Laborergebnissen abhängig zu machen, sondern klinische und epidemiologische Informationen ausreichen zu lassen.[16]
Ansonsten wird die gegenwärtige Variante wie jede andere Influenza A oder B symptomatisch behandelt. Dies beinhaltet strenge und lange Bettruhe, vermehrte Flüssigkeitszufuhr und Paracetamol zur Fiebersenkung. Die Gabe von Acetylsalicylsäure wird, besonders bei Kindern, wegen der Möglichkeit eines dadurch bei Influenza hervorgerufenen Reye-Syndroms vermieden. Komplikationen durch bakterielle Superinfektionen, die bei jeder Influenza die Schwere der Erkrankung bestimmen, werden antibiotisch behandelt.
Nach Angaben der Firmenzentrale von Hoffmann-La Roche in Basel und dem Statens Serum Institut (SSI) in Dänemark ist dort Ende Juni 2009 bei einem Patienten unter der Behandlung mit Oseltamivir zum ersten Mal eine Oseltamivir-Resistenz bei der sogenannten Schweinegrippe beobachtet worden, weshalb der betreffende Patient dann mit Zanamivir behandelt wurde. Ähnliche Fälle wurden bis August 2009 vereinzelt auch aus El Paso (Mexiko/USA), sowie Kanada, Japan und Hongkong gemeldet.[17]
Vorbeugung
Pandemiewarnungen der Weltgesundheitsorganisation
Die WHO hat für den Fall einer Influenza-Pandemie einen Plan[18] vorbereitet, der anhand von sechs Phasen national umzusetzende Maßnahmen koordiniert. Die Phasen 3 bis 5 drücken ansteigendes Risiko einer Pandemie aus. Zurzeit, d.h. während einer Influenza-Pandemie, gilt Phase 6.[19]
Im April 2009 galt wegen der Vogelgrippe (A/H5N1) noch die Phase 3 bis die WHO angesichts der dramatischen Entwicklung in Mexiko kurz hintereinander die Phasen 4 und 5 verkündete.[20][21][22]
Bereits mit der Erhöhung auf Warnstufe 4 rief die Generaldirektorin der WHO, Margaret Chan, alle Länder auf, umgehend ihre Pandemie-Notfallpläne zu aktivieren.[23][24] Gleichzeitig riet die WHO von generellen Reisebeschränkungen ab, da eine Verbreitung der Viren hierdurch nicht mehr zu unterbinden sei.
Nach den Kriterien für die Verkündung der Phasen 3 bis 6, die sich hauptsächlich am Ausmaß der Verbreitung orientieren, unabhängig von den möglichen Folgen hinsichtlich Pathogenität und Letalität, hätte eigentlich bereits im Mai die Stufe 6 verkündet werden müssen, nachdem es sogar in zwei weiteren der sechs WHO-Regionen zu Ausbruchsgeschehen gekommen ist: Der britische Independent zitiert den Virologen John Oxford,[25] sowohl im Vereinigten Königreich als auch in Japan seien jeweils etwa 30.000 Fälle unentdeckt geblieben. Angesichts der geringen Pathogenität zögerte die WHO allerdings bis zum 11. Juni 2009[19] und will die Kriterien für die Warnstufen wieder komplexer gestalten.[26]
Impfmittelvorbereitung
Der für die kommende Grippesaison vorgesehene Impfstoff wurde nach entsprechenden Untersuchungen als nicht oder nur unzureichend wirksam gegen den neuen Erreger eingestuft,[3] aber dennoch produziert, da im Frühsommer noch nicht absehbar war, ob der neue Erreger bis zur Grippesaison über die saisonalen Erreger dominieren würde.[27] Ein spezieller Impfstoff wird zurzeit produziert und klinisch getestet.[28]
Da die Ausbreitung der Erreger nicht mehr gestoppt und Impfstoff voraussichtlich nicht für die gesamte Bevölkerung rechtzeitig produziert werden könne, empfahl die WHO Mitte Juli allen Mitgliedsländern, mit oberster Priorität das medizinische Personal zu impfen, um die Funktionsfähigkeit des Gesundheitssystems aufrecht erhalten zu können.[27] Zugleich wurde es den nationalen Behörden überlassen, bestimmte Gruppen vorrangig zu impfen: Kinder und Jugendliche, die das Virus schnell verbreiten, oder Personen unter 50 Jahren, die eine geringere natürliche Immunität gegen dieses Virus besitzen (s.o.), oder Risikogruppen wie Schwangere, Kleinkinder ab 6 Monaten, ältere Menschen oder Menschen mit chronischen Atemwegserkrankungen oder großem Übergewicht.
Nationale Umsetzungen
Das österreichische Bundesministerium für Gesundheit folgt dem Österreichischen Influenza Pandemieplan[29], der als Vorsorgemaßnahmen im Besonderen die Bereitstellung ausreichendere Bestände an Impfstoff (Sicherstellung eines Impfstoffkontingentes für 8 Millionen Personen), antiviralen Medikamente (Neuraminidase-Hemmer, für ca. 4 Millionen Personen) und Schutzmasken (ca. 8 Millionen ad hoc verfügbar) vorsieht.
In Deutschland besteht seit dem 3. Mai 2009 neben der Meldepflicht einer festgestellten Influenza-Infektion nach dem Infektionsschutzgesetz zusätzlich eine Meldepflicht für Verdachtsfälle.[30] Das Robert Koch-Institut hat hierzu die oben genannte Falldefinition für neue Influenza (A/H1N1)[7] herausgegeben, insbesondere um die Infektion mit den Schweinegrippeviren (Influenza A/H1N1) beim Menschen von der humanen saisonalen Influenza abzugrenzen.[31] Zuvor bestand nur, wenn ein Influenzavirus direkt nachgewiesen worden war, eine Meldeverpflichtung nach § 7 Abs. 1 Nr. 24 IfSG für die im IfSG bestimmten medizinisch tätigen Personen.
Quarantäne
Seit erkanntem Ausbruch der Infektion war strenge Quarantäne der Verdachtsfälle und Infizierten Mittel der Wahl. Seit Juli 2009 wird aber international eine andere Strategie verfolgt, die berücksichtigt, dass die Ausbreitung der Grippe nicht mehr gestoppt werden kann (Containment-Phase, ‚Eindämmung‘): Jetzt wird die Mitigation-Strategie (‚Entschärfung‘) verfolgt, in der nurmehr Angehörige von Risikogruppen in Spitalspflege aufgenommen werden (empfohlen werden zwei Tage, sofern keine Komplikationen auftreten), andere Patienten aber sofort in die häusliche Pflege überstellt werden, wo sie eine Woche verbleiben sollen.[32] In Österreich trat diese Regelung mit Anfang August in Kraft. [33]
Empfehlungen zum Verhalten des Einzelnen
Ein Schild in der Kathedrale von Chester, welches Änderungen im Gottesdienstablauf zusammenfasst, die eine Ausbreitung der Krankheit verlangsamen sollen.Das österreichische Bundesministerium für Gesundheit empfiehlt bei Reisen in die betroffenen Gebiete regelmäßig die Hände zu waschen, Kontakt mit Erkrankten zu meiden und beim ersten Auftreten von Symptomen einen Arzt aufzusuchen. Vor Antritt der Reise sollte mit dem Hausarzt die Mitnahme antiviraler Medikamente besprochen werden.[34] Einschränkungen des internationalen Reiseverkehrs werden von der WHO ausdrücklich abgelehnt.[35]
Das Schweizer Bundesamt für Gesundheit gibt ähnliche Informationen auf einer spezifischen Website[36] ab, wobei die Empfehlungen fortlaufend dem Verlauf der Pandemie angepasst werden.
Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung aus Deutschland hat die Informationsschrift 8 Empfehlungen zum persönlichen Grippeschutz in Bezug auf die „‚Neu[e] Grippe‘ (so genannte Schweinegrippe; Influenza A/H1N1)“ herausgebracht.[37]
In einer gemeinsamen Stellungnahme von WHO, FAO und OIE wurde darauf hingewiesen, dass Viren verlässlich abgetötet werden, wenn Fleisch (auch im Inneren) – wie beim Braten und Kochen allgemein üblich – auf mindestens 70 Grad erhitzt wird. Beim Umgang mit rohem Fleisch biete das Einhalten der üblichen hygienischen Regeln hinreichenden Schutz vor eventuell vorhandenen Viren.[38] Die bisherigen Infektionsketten stehen jedoch nicht im Zusammenhang mit Schweinen oder Schweinefleisch.
Weltweite Ausbreitung
Verlauf bestätigter Influenza-Pandemie Erkrankungs- und Todesfälle. (Quelle: WHO)
Weltweiter Verlauf bestätigter Influenza-Pandemie Fälle (Quelle: WHO)Bis zum 7. August 2009 wurden insgesamt 205.783 Fälle gemeldet, darunter 1.569 Todesfälle.[39] Der zeitliche Verlauf der Fallzahlen[40] spiegelt die anfängliche Dynamik dieser Pandemie jedoch nur unzureichend wider: Die tatsächlichen Fallzahlen in Nordamerika schienen Mitte Mai laut New Scientist zehnmal so hoch zu sein wie die registrierten[41] und in Europa wurden nur bei aus Nordamerika einreisenden Erkrankten und deren Kontaktpersonen gezielt Virustypisierungen vorgenommen.[42]
Seit Juni wird die Ausbreitung in den USA nur noch geschätzt, damals auf mindestens eine Million Fälle (siehe unten). Anfang Juli empfahl auch die WHO, die massenhaften Tests möglichst aller Fälle einzustellen und stattdessen nur noch stichprobenartig zu testen, um die Entwicklung zu verfolgen und Veränderungen des Virus entdecken zu können.[43] So handhaben es nun viele, auch europäische Länder, insbesondere das UK[39]. Auch die aktuellen Fallzahlen sind also ungeeignet für direkte Vergleiche, weshalb die WHO ihre Veröffentlichung eingestellt hat.[40]
Uneinigkeit um die Bezeichnung
Aushang am Flughafen Kopenhagen. Unter dem Titel “Novel flu virus” steht klein “swine influenza” in Anführungszeichen und Klammern.Bezüglich der Bezeichnung der hier beschriebenen Epidemie bzw. der entsprechenden Erkrankung besteht keine Einigkeit.
Die Bezeichnung Schweinegrippe herrscht bislang (Juli 2009), insbesondere in den Medien, vor. Sie wurde auch von wissenschaftlichen und politischen Organisationen verwendet.[59][60]
Die Bezeichnung „Schweinegrippe“ könnte die Gefahr einer Verwechslung mit sich bringen: mit der beim Hausschwein vorkommenden Erkrankung (Schweineinfluenza), die durch klassische, porzine Influenzaviren hervorgerufen wird. Diese Varianten können zwar Ausgangspunkt einer Reassortierung neuer auch humaner Varianten sein, sind selbst aber nicht Erreger einer eigenständigen Erkrankung beim Menschen.[61] Zudem wird kritisiert, dass diese Bezeichnung die Verwechslung mit einer „Tierseuche“, der sogenannten Vogelgrippe, nahelege.[62] Die Verbreitung im Rahmen dieses Seuchenzuges sei aber bislang nur von Mensch zu Mensch nachgewiesen worden.[62] Es bestehe auch kein Ansteckungsrisiko beim Verzehr von Schweinefleisch.[62] Stattdessen wurden teilweise die Bezeichnungen Mexikanische Grippe oder nordamerikanische Grippe verwendet. Dies stünde in Kontinuität zu den bisherigen Bezeichnungen bemerkenswerter Seuchenzüge der Grippe (zum Beispiel „Spanische Grippe“). Später setzte sich bei offiziellen Seiten Bezeichnungen für die Erkrankung durch, die den Begriff Neue Grippe enthalten, und als Bezeichnungen für den Erreger Influenza A(H1N1)v[39] und Influenza A(H1N1)2009.
Übertragung auf Schweine
Ein Fall in Kanada zeigt, dass auch die neue Variante der H1N1-Viren − wie andere H1N1-Varianten − von Menschen auf Hausschweine übertragen werden kann.[63][64] Die Canadian Food Inspection Agency (die kanadische Lebensmittelaufsicht) stufte am 2. Mai 2009 die Übertragung der Viren von einem infizierten Mann auf eine Schweineherde als höchst wahrscheinlich ein.[63][64] Thomas C. Mettenleiter, Friedrich-Loeffler-Institut, warnt in diesem Zusammenhang vor der Übertragung der Erreger von Menschen auf Schweine.[65] Der Präsident dieses deutschen Bundesforschungsinstituts für Tiergesundheit forderte hierzu am 4. Mai 2009 Hygienemaßnahmen, da noch unklar sei, wie sich die neuen A/H1N1-Varianten im Schwein verhalten.[65] In solchen Fällen besteht die Gefahr, dass sich Viren unterschiedlicher Herkunft im Schwein neu kombinieren und hierdurch beispielsweise für Menschen gefährlicher werden.[64] Derzeit ist nicht bekannt, dass der Erreger der neuen Grippe unter Schweinen epidemisch ist.[66]
Deutsche Forscher vom Friedrich-Loeffler-Institut konnten mittels eines Experimentes auf der Insel Riems eine Übertragung des Virus von erkrankten Schweinen auf gesunde Schweine wissenschaftlich gesichert nachweisen.[67][68]
Übertragung auf Geflügel
Die chilenische Landwirtschaftsbehörde Servicio Agrícola y Ganadero (SAG) hat im August 2009 laut eigenen Angaben erstmal eine Virus A/H1N1 Infektion bei Haustruthühnern (Puten) in der Hafenstadt Valparaíso in Chile festgestellt.[69]
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Influenza-Pandemie_2009 (Stand: 2009-08-24)